Die grundsätzliche Strategie bei der Eindämmung des Virus ist, den R-Wert dauerhaft unter 1 zu halten. Wenn jeder Mensch im Durchschnitt weniger als einen weiteren ansteckt, geht die Ausbreitung zurück. Entscheidend für den R-Wert sind verschiedene Dinge. Zunächst hat jede Variante eine eigenen Basisreproduktionszahl R_0. Diese sagt aus, wie viele Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, ohne dass es irgendwelche Interventionen gibt. Interventionen können beispielsweise die Impfung sein (natürlich auch Immunität durch Infektion), aber eben auch nicht-medizinische Maßnahmen bzw. das Verhalten der Bevölkerung. Die Ursprungsvariante hatte R_0 von etwa 2.5-2.8. Unter der Annahme dass die Impfung auch zu 100% vor Übertragung schützt (und andere Immunität vernachlässigt), kann die notwendige Impfquote durch 1-1/R_0 berechnet werden, für die Ursprungsvariante also irgendwo zwischen 60% und 65%. Diese 70% basieren dann darauf, dass die Impfung eben nicht bei jedem wirkt. Würde dies erreicht, wären keine weiteren Maßnahmen notwendig, um die Pandemie zu kontrollieren und zu beenden, solange der Impfschutz nicht nachlässt und keine neuen Varianten mit höherer Basisreproduktionszahl entstehen.
Genau das ist nun aber wiederholt passiert. Und es ist ja völlig klar, dass sich nur solche Varianten durchsetzen, die entweder den Impfschutz in Teilen umgehen oder ansteckender sind, ansonsten hätten sie keinen Fitnessvorteil und gar keine Chance sich durchzusetzen. Bei der Delta Variante liegt die Basisreproduktionszahl wohl bei etwa 5-6. Berücksichtigt man nun noch, dass die Impfung auch nicht mehr ganz so zuverlässig vor Übertragung schützt, müsste also wahrscheinlich eine Impfquote von fast 90% erreicht werden, wenn nicht sogar darüber. Dadurch dass Kinder nicht geimpft werden können, ist das also schon gar nicht erreichbar. Außerdem wird es weitere Varianten geben, die diesen Wert nochmal erhöhen. Von dem Konzept der Herdenimmunität können wir uns also ganz sicher verabschieden.
Wir haben aber ja auch gegen andere Coronaviren, die schon immer Erkältungen bei uns auslösen können, keine Herdenimmunität und leben trotzdem ganz ohne allgemeine Einschränkungen damit. Die Impfung gibt uns die Möglichkeit, auch dieser Form des Coronavirus so zu begegnen, weil für die allermeisten ein sehr geringes Risiko einer ernsthaften Erkrankung besteht, wie bei anderen Infektionskrankheiten auch. Bei neuen Varianten kann der Impfschutz etwas vermindert sein, es ist aber äußerst unwahrscheinlich, dass dieser vollständig umgangen wird, zumindest was schwere Verläufe betrifft. Und auch in diesem sehr unwahrscheinlichen Fall könnte der Impfstoff relativ schnell angepasst werden.
Wir werden also damit leben müssen (und können), dass wir Infektionsketten nicht dauerhaft unterbrechen können (irgendwann werden wir das auch gar nicht mehr per Nachverfolgung versuchen), aber in den allermeisten Fällen sehr gut mit dem Virus leben werden können, weil es bei dem überwiegenden Teil der Bevölkerung eben nur noch eine relativ harmlose Erkältung auslöst. Und die werden wir irgendwann akzeptieren müssen, wenn wir zurück in die Normalität wollen, das haben wir in der Vergangenheit ja auch.
