Au ja, England.
Wenn man in England ein tolles Spiel sieht, dann kann die Stimmung alles übertreffen was man aus deutschen Stadien so gewohnt ist. Das liegt vor allem an baulichen Gegebenheiten. Es hat mich an Tottenham immer fasziniert, auf der Park Lane hinterm Tor stehen zu können, wenn richtig die Hütte brannte - so hab ich's mal beim 5:3 gegen Chelsea oder beim 3:1 gegen Inter erlebt und lieben gelernt.
Ich hab' aber in England auch erlebt: Ein 2:0 gegen Norwich bei dem mich ein Ordner aus der Reihe winkte - auch auf der Park Lane unten hinterm Tor - und mir erklärte, er hätte beobachtet dass ich mit dem "Stand up if you hate Arsenal" angefangen hätte, und wenn ich nochmal anfangen würde geht's zur Polizei. Das mit dem Stehen ist ja verboten, vielleicht wird es hin und wieder mal als Eskalation geduldet wenn es zu viel Aufwand darstellt um gleich den ganzen Block einzubuchten, aber bei nem Spiel im August gegen Norwich gibt es als Normalzustand hinsetzen und still sein. Ich hab' bei meinem ersten Stadionbesuch in England zum Start der zweiten Halbzeit mit zwei vollen Bier in der Hand am Blockeingang gestanden und die Welt nicht mehr verstanden, denn da lernte ich zum ersten Mal "No Alcohol in View of the Pitch" kennen. Ich hab' in England eigentlich seit Jahren kein Spiel mehr gesehen, bei dem nicht auf dem Ticket oder auf der Videowall eine Nummer eingeblendet wurde, über die man seinen Nebenmann per SMS anschwärzen konnte. Das klingt erstmal hilfreich, oder? Dann steh' du mal als Tottenham-Fan mit ner von tooor gekauften Karte im Chelsea-Block in Wembley, neben dir ein latent unsympathischer 16-jähriger mit Ticket dank Papis Dauerkarte, und frag' dich mal ob du gleich rausfliegst nachdem du beim Chelsea-Tor nicht laut genug mitgejubelt hast und der dich skeptisch anschaut. Und ja, ich hatte mich benommen. Ich hab' in England erlebt dass ich 10 Minuten nach dem Spiel von einem Ordner angedroht bekam, dass er mich der Polizei übergeben würde, wenn ich jetzt nicht raus aus dem Stadion gehen würde - ich war zwar als Touri erkennbar und wollte nix weitere als ein Erinnerungsfoto für die 50 Pfund Eintritt, aber hier haben wir verdammt nochmal Regeln, und wenn ich Ordner in meiner neonfarbenen Jacke dir was sage dann wirst Du Fan das so umsetzen, oder du kannst die Nacht im Knast verbringen. Und jetzt raus mit dir und tritt nicht in die Jurassic-Park-großen Scheißhaufen, die die Reiterstaffel hinterlassen hat.
Das ist also mehr so mein Bild von England: Alles ist reglementiert, alles ist verboten, Smile - You're on CCTV. Manche mögen das als angenehm sicher empfinden, ich find's beklemmend. Ich mag meine Pulle Bier im RE, meine Fluppe im Stehbereich die ich selbst nicht mehr vertrage aber immer noch gerne rieche, und ruhig auch mal "EY DU PISSER! rufen. Über den Abbau von Zäunen und den Unsinn von Gräben kann man mit mir immer gerne reden. Ich bin auch lieber an der Alten Försterei, wo die Regeln für die Distanz zwischen Spielfeld und Außenlinie bewusst missachtet wurden, als auf Schalke, wo man für die Nordkurve Fangnetz, Mauer, Graben und Plexiglas kombiniert hat und die Spieler Werbebanden und Treppen anjubeln. In meiner Vorstellung hat ein ideales Stadion eine erste Reihe am oder nur knapp überm Spielfeld. Wer da sitzt oder steht hat zwar gar keinen Überblick was 100 Meter weg passiert, ist aber da freiwillig und wunderbar nah dran am Spiel. Und im Fernsehen sieht man, das zwischen den Spielern und dem Publikum richtig Interaktion zustande kommt - Premier League mit einer abgehenden Menge im Hintergrund sieht doch hundert mal emotionaler, hochwertiger und geiler aus als Bundesliga mit drei Reihen LED-Bande vor ner Betonmauer. Das sind aber alles bauliche Fragen! Die haben nix damit zu tun welche Gruppen im Stadion sind und auch nix damit zu tun ob es Ultras gibt.
Ich kann auf den Habitus der Ultragruppen gerne verzichten. Ich kann auch auf erlebnisorientierte Ultragruppen mit Kampfsport-Einschlag verzichten und ich brauche Pyrotechnik persönlich nur so lange, wie sie der Zündler auch in Händen hält - sobald was fliegt ist bei mir auch die Toleranzgrenze überschritten. Ich hab' nix gegen Videoüberwachung im Stadion, wenn klar ist wie sie genutzt wird - ich finde sie zur Aufklärung von Straftaten und Gewalttaten gut, aber nicht als Drohmittel für einen Ordner der mir das Anstiften zum Aufstehen verbieten will. Das wiederum sind aber alles Fragen des Verhaltens und der Regeln die im Stadion gelten, und die kannst du relativ unabhängig von den baulichen Gegebenheiten ausgestalten.
Ich finde es gut, dass das Stadion bei uns noch ein relativ realitätsnahes Bild der Fanszene abgibt. Das liegt für mich an relativ geringen Eintrittspreisen und hohen Dauerkartenquoten, der Verfügbarkeit von Stehplätzen, und dem Glück dass wir für ein weltweites Publikum weder als Reiseland noch für unsere Fußballkultur so beliebt und mit der Sprache so einfach zugänglich sind wie es England ist. Zu dieser Fußballkultur gehören für mich auch Ultragruppen, die ja nicht irgendwo erfunden wurden sondern sich gebildet haben. Vielleicht wird deren Zeit auch mal vorbei sein, aber wenn es so ist hoffe ich dass sie durch etwas neues Natürliches ersetzt werden und nicht durch eine reglementierte Plastikstimmung, wie sie außer in Highlight-Momenten sehr oft in England herrscht.
Insofern finde ich es begrüßenswert, was der DFB macht und hoffe mal, dass diejenigen die die Zeit investieren um als Fanvertreter aufzutreten auch tatsächlich guten Willen und eine Bereitschaft zur ergebnisoffenen Diskussion mitbringen. Es gab genug Anlass zur Skepsis, jetzt sollte man sie auch mal fallen lassen um einen Schritt weiterzukommen.
