Das Leck-mich-Prinzip
Ein herrschsüchtiger Investor aus Abu Dhabi trifft auf einen hausmeisterhaften Traditionsklub: Dort haben sie sich bis aufs Blut gedemütigt, und so gehen sie nun gemeinsam unter.
Von Gerhard Fischer , Markus Schäflein und Philipp Schneider
Im Stadion hatten die Fans noch randaliert. Das heißt: Die ganz Harten hatten randaliert, sie hatten Sitzschalen und Fahnenstangen aufs Feld geworfen, die Regensburgs Torwart Philipp Pentke nonchalant wegräumte, als wäre er ein professioneller Tatortreiniger. Aber die meisten Fans waren ruhig geblieben, und genauso ruhig war dann ihr Auszug aus der Arena an diesem denkwürdigen Dienstagabend.
Nur wenig geweint wurde auf dem Weg zur U-Bahn-Station, die meisten Leute starrten einfach vor sich hin. Einer, der aussah wie Bastian Pastewka in klein und mit Schnurrbart, fragte sich, ob die Spieler wohl auch leiden würden unter dem Abstieg. "Ein bisserl vielleicht", sagte er. Sicher war er nicht. Jetzt werde man halt ein Jahr in der dritten Liga spielen, sagte der Mann, und im zweiten Jahr "steigen wir wieder auf" (dann würde man zwei Jahre in der dritten Liga spielen, aber für Löwen sind Zahlen nun mal so eine Sache). Ein Bub zeigte seinem Vater ein Heft, auf dem "Sechzig" stand, und steuerte damit auf einen Mülleimer zu. Bevor er es hineinwerfen konnte, nahm es der Vater und riss es in Stücke.
Als die 60 000 leidenden Menschen auf dem Weg nach Hause waren, sagte der 60-Trainer Vitor Pereira in der Pressekonferenz auf Portugiesisch: "Es war ein Risiko-Projekt, das ich angenommen habe, und leider hat es nicht gereicht."
Am ersten Tag dieses Projekts, im Januar, herrschte dichter Nebel, ein fauliger Gestank zog vom Meer herüber. In einem Trainingscamp des weltbekannten Startrainers José Mourinho durften die Spieler des Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München ihre Wintervorbereitung absolvieren, auf einer Halbinsel in Portugal. Das Lager war dann nicht nur wegen des Wetters nur (höchstens) halb so herrlich, wie es sich anhörte, und seine Folgen waren sogar um ein Vielfaches schlimmer, als man es sich zuvor je hätte ausmalen können.
Der Klub braucht wieder viel Geld, aber ob der Jordanier noch Lust auf das Abenteuer TSV 1860 hat?
Am 13. Tag des Projekts erschien Hasan Ismaik, und er fand, dass es gut war. Mit großem Gefolge in insgesamt sechs Limousinen kam der jordanische Investor des Giesinger Arbeitervereins aus Abu Dhabi nach Troia, er schüttelte Hände mitgereister Fans, er erhielt Dank und Anerkennung, er war es schließlich, der das ganze Brimborium hier in Portugal bezahlte: das teure Lager, den neuen Trainer Vitor Pereira, der zuvor bei internationalen Spitzenklubs wie Olympiakos Piräus und Fenerbahçe Istanbul gearbeitet hatte, dazu die fünf neuen Spieler aus aller Welt, die sich ankündigten, auch die zuvor schon eingetroffenen Erstliga-Spieler Ivica Olić und Stefan Aigner, das brasilianische Wundertalent Ribamar für die Vereinsrekordablöse von 3,2 Millionen Euro, das sich dann als wundersam untalentiert erweisen sollte. Nach zwei Stunden ging Ismaik wieder.
So unpassend, wie es sich anhört, war das Szenario nicht. Der TSV 1860 geriet auf der Suche nach Erfolg in seiner Historie immer wieder in die Hände von Menschen, die sich profilieren wollten; und die dann aber versagten, wie der frühere Präsident Erich Riedl, der in den Siebziger- und Achtzigerjahren so viel Geld verpulverte, dass die Löwen zwangsabsteigen mussten in die dritte Liga, die damals Bayernliga hieß. Zehn Jahre mussten sie dort bleiben. Man spielte hier gegen Ampfing. Viele Fans erinnern sich an die überalterten Isländer und die übergewichtigen Serben, die 1860 damals verpflichtet hatte. Oder waren es übergewichtige Isländer und überalterte Serben? Jedenfalls wurden diese Spieler auch damals schon erstklassig entlohnt. Oder, ach ja, die Geschichte mit dem Italiener, der so ähnlich wie Cappuccino hieß und vom Boulevard dann auch immer nur so genannt wurde. Er kam vom TSV Havelse, wurde am Morgen bei 1860 vorgestellt, sagte am Nachmittag plötzlich, er müsse noch mal eben nach Italien, um seine kranke Mama oder Oma zu pflegen, was aber gar nicht stimmte. Er unterschrieb dann am Abend desselben Tages einen vermutlich lukrativen Vertrag bei einem italienischen Verein. Natürlich machte Sechzig bei diesem Geschäft Miese, wie fast immer.
Diese Zeit wird gerne verklärt, auch von den Freunden des Grünwalder Stadions, des Sehnsuchtsorts in München-Giesing, in dem heutiger Profifußball lange Zeit stadtpolitisch nicht mehr gewollt war. Zur Wahrheit gehört dann auch noch, dass die Löwen in der Bayernliga nie einen zweistelligen Zuschauerschnitt hatten, in der Saison 1987/88 kamen durchschnittlich bloß 4243 Löwenfans. Einmal aber spielten die Löwen dort vor 30 000 Zuschauern gegen den FC Schweinfurt um die Teilnahme zur Aufstiegsrunde. Der Regen peitschte durchs Grünwalder Stadion, die Spieler kämpften, tropften, rannten, sie taten alles für den Mythos des Arbeitervereins, der aus der Leidenschaft entsteht. Sie lagen einmal hinten, zweimal, kämpften sich heran, spielten am Ende 3:3, es reichte nicht. Die Fans gingen nass nach Hause, sie randalierten nicht wie einige von ihnen am Dienstagabend, sie waren ruhig, weil ihre Spieler alles versucht hatten, das Spiel zu gewinnen, und die Fans hatten in diesem Moment das Gefühl, dass genau das mehr wert war als eine weitere Meisterschaft des FC Bayern München.
Pereira, der vermutlich noch nie in seinem Leben von Schweinfurt gehört hatte, erzählte im Januar in der Hotellobby in Troia, dass er gerne tanze, wenn er glücklich sei, dass es schöner Fußball sei, der ihn glücklich mache, und dass er 1860 in der kommenden Spielzeit in die erste Bundesliga führen wolle. Zum Abschluss rief er: "I am Vitor Pereira!" Von einem sprach er nicht: vom Kampf um den Klassenverbleib in der aktuellen Spielzeit.
Es war bereits der zweite Neuanfang der Saison. Seit 2011 war Ismaik Investor bei 1860, er stieg damals als letzter Retter ein, als der Klub kurz vor der Insolvenz stand. Dass keiner so recht wusste, woher sein Geld kommt, dass keiner einschätzen konnte, mit wem man es zu tun hatte, war den Verantwortlichen nicht so wichtig. Hauptsache, die Pleite war abgewendet. Einen Präsidenten nach dem anderen verschliss Ismaik, weil sich die Vereinsführung seinen Plänen vom großen Investieren in Trainer und Spieler aus aller Welt auf Darlehensbasis stets entgegenstellte und dann jeweils zermürbt abtrat.
Dann kam der Rentner Peter Cassalette, der zu seiner Präsentation als neuer Präsident einen Stofflöwen mitbrachte und berichtete, er habe eine ganze Sammlung von Löwen-Kuscheltieren. Einen echten Kerl, der die Löwen lenken und ihnen Eigenständigkeit gegenüber dem Investor Ismaik sichern sollte, stellte man sich anders vor. Geschichtsbewusste Löwen denken da an Adalbert Wetzel, der 1966 Präsident war, als 1860 Meister geworden ist. Wetzel war als junger Mann im Dschungel in Südamerika unterwegs, als ihm ein Indio in den Weg trat, der ihm sogleich mit einer Machete die Bauchdecke aufschlitzte. Wetzel überlebte und machte die Löwen später zum Meister. Über die weinerlichen Facebook-Posts von Ismaik, der stets beklagt, er sei falsch beraten worden, würde Wetzel sehr lachen. Über den Plüschlöwen von Cassalette sowieso.
Cassalettes neues Motto lautete: Wer zahlt, schafft an. Ismaik durfte all seine Wünsche verwirklichen. Zu Saisonbeginn engagierte er Geschäftsführer Thomas Eichin von Werder Bremen und den Trainer Kosta Runjaic und kündigte an: "Wir sind auf dem richtigen Weg, aus 1860 einen der besten Vereine Europas zu machen."
Als der TSV drei Monate später leider noch nicht zu den besten Vereinen Europas zählte, erschien Ismaik zu einer denkwürdigen Pressekonferenz in Giesing, bei der er Runjaic feuerte und Eichin degradierte. Unverhohlen wie nie zuvor wurde dort deutlich, dass bei Sechzig die 50+1-Regel der Deutschen Fußball-Liga (DFL), wonach die Vereine die Entscheidungshoheit gegenüber Investoren behalten müssen, faktisch längst abgeschafft war. Zu den Gründen der Personalentscheidungen erklärte Cassalette: "Das soll am besten Hasan beantworten. Ich bin Präsident des e. V." Ersetzt wurden Runjaic und Eichin durch Pereira und den amerikanischen Maschinenbauingenieur Anthony Power, einen Vertrauten Ismaiks, der auf der Geschäftsstelle ein Klima derartig raumgreifender Angst schuf, dass langjährige Mitarbeiter reihenweise kündigten.
Sympathisch war das nicht, aber sympathisch waren die Löwen sowieso oft nicht, man muss da gar nicht mal an ihre Nazi-Nähe in brauner Zeit denken. Der hausmeisterhaft autoritäre Meistertrainer von 1966, Max Merkel: eher unsympathisch. Der langjährige Präsident Karl-Heinz Wildmoser, der aus dem TSV 1860 einen FC Bayern light machen wollte, die Fans spaltete, den Verein entwurzelte und letztlich in die Abhängigkeit von Ismaik führte mit dem Stadion-Projekt Allianz-Arena: eher unsympathisch. Der hausmeisterhaft autoritäre Ex-Trainer Werner Lorant: nun ja. Aber Lorant war in seiner Art wenigstens ulkig.
Als Sechzig abgestiegen war am Dienstagabend, drehte sich auf dem Weg zur U-Bahn ein Mann mit blauem Löwen-Trikot noch einmal zur Arena um und wollte ein Foto machen, da sagte seine Begleiterin: "Die Arena brauchst jetzt nicht mehr fotografieren." Sollte heißen: Da spielen wir jetzt nicht mehr, in der dritten Liga. Oh doch, nach gegenwärtigem Stand müssen die Löwen in Liga drei weiter in der Arena spielen, weil die Alternativen, Olympiastadion und Grünwalder Stadion, aus diversen Gründen kaum infrage kommen. Und weil 1860 immer noch einen Vertrag besitzt mit dem Vermieter, dem FC Bayern.
Der Münchner Radiomoderator Achim Bogdahn, der sich in seinen Pass "Sechzig" als zweiten Vornamen eintragen ließ, hat am Mittwochvormittag auf Facebook einen Brief an die Geschäftsstelle des TSV 1860 gepostet. "Hiermit bestelle ich vier Dauerkarten für die Dritte Liga/Saison 2017/18. Diese Bestellung gilt ausschließlich für das Grünwalder Stadion!"
Möglicherweise hat Bogdahn, ohne es zu ahnen, Karten fürs richtige Stadion bestellt, aber für die falsche Spielklasse.
Sechzig könnte noch tiefer stürzen als in die dritte Liga, auch die viertklassige Regionalliga Bayern ist denkbar: Bis zum Stichtag an diesem Freitag muss, Abstieg hin oder her, auf dem Konto der Fußballfirma an der Grünwalder Straße eine Summe von rund elf Millionen Euro eingegangen sein. Überweisen müsste das Geld mangels Alternativen mal wieder Ismaik. Nun stellt sich die Frage, ob der Jordanier noch Lust verspürt, sein abenteuerliches Investment von bereits jetzt mehr als 60 Millionen Euro unter den bestehenden Bedingungen auch in der dritten Liga fortzusetzen.
Der Geschäftsmann hat jedenfalls in der Woche vor dem letzten Relegationsspiel über seinen Anwalt sechs knackige Forderungen gestellt, deren Erfüllung die Bedingung sei für eine Fortsetzung seines Investments. Nach Lektüre des letzten Briefes sah sich der vom FC Liverpool aus der Premier League kommende und erst vor wenigen Wochen mit großem Tamtam in Giesing präsentierte Geschäftsführer Ian Ayre dazu veranlasst, seinen Stuhl schnell wieder zu räumen, noch bevor der Abstieg besiegelt war. Ayre ahnte wohl, dass der Klub selbst dann nicht mehr zu retten wäre, wenn er sportlich noch die Kurve kriegen würde. Und als Ayre weg war, hielt auch Cassalette nichts mehr im Amt. Nichts wie weg.
Das Leck-mich-Prinzip. Das letzte Schreiben von Ismaiks Anwalt enthielt den unmissverständlichen Hinweis: "Diese Bedingungen dürfen nicht als Beginn für Verhandlungen missverstanden werden. Bitte bringen Sie die notwendigen Genehmigungen bei (...), klären die Dinge mit der DFL und bringen auch deren Genehmigung bei." Es folgte eine prägnantere Verabschiedung: "Bitte sehen Sie davon ab, weiter mit mir zu korrespondieren, sofern Sie nicht die vollständige und bedingungslose Bestätigung haben, dass sämtliche Bedingungen aus meinem Brief fristgemäß erfüllt werden."
Blöd, dass die Erfüllung aller Bedingungen gar nicht möglich gewesen wäre. Fristgemäß schon gar nicht.
Der konkrete Auslöser des Briefwechsels war eine persönliche Anfrage von Michael Scharold gewesen, dem Finanzdirektor von 1860, das war am Dienstag vergangener Woche. Scharold wollte wissen, wann mit dem Zahlungseingang der für die Zweitliga-Lizenz notwendigen 23,1 Millionen Euro (!) auf dem Konto der KGaA zu rechnen sei. Die Summe war deshalb so irre, weil Ismaik ja plante, einen Kader zu formen, mit dem der Aufstieg in die Bundesliga realisiert werden könnte. Der Stichtag zum Nachweis der Mittel für die zweite Liga bei der DFL wäre an diesem Mittwoch gewesen - acht Tage nach Scharolds Anfrage. Dazwischen lagen ein Feiertag, ein Sonntag und zwei Spieltage. Die Forderungen hatten es in sich. Mal kurz reingelesen.
Punkt drei: "Übertragung der gesamten Jugendabteilung auf die KGaA". Die Jugend ist das letzte Stück des Vereins, das sich der Investor noch nicht einverleibt hatte. Die Bender-Zwillinge wurden ausgebildet in der vielfach ausgezeichneten Akademie in Giesing. Der Nationalstürmer Kevin Volland. Auch Dortmunds schlaksiger Ballverteiler Julian Weigl. Will sich der Investor jetzt holen, die wertvollen Jungs.
Oder, hier, Punkt zwei: "Um zukünftige Interessenskonflikte zu verhindern" - Interessenskonflikte steht da allen Ernstes -, "muss die Geschäftsordnung für die Geschäftsführung der GmbH dergestalt geändert werden, dass der e. V. weder ein Weisungsrecht noch ein Vetorecht gegen Entscheidungen oder Maßnahmen der Geschäftsführung in Bezug auf Geschäfte zwischen KGaA und e.V. hat". Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, ist es so: Jenes Weisungsrecht der Vereinsvertreter, das Ismaik teilweise gestrichen haben möchte, ist der ganze Witz an 1860. Die Klausel soll gewährleisten, dass der Verein sein Schicksal noch immer selbst bestimmen kann. Dass er eben nicht fremdbestimmt wird von einem reichen Mann mit komischen Ideen. Diese Klausel ließe sich selbst dann nicht streichen, wenn es die Vereinsvertreter wollten. Weil die DFL schon viermal verboten hat, dass sie entfernt wird.
Sie wären so gerne wie die alten Münchner, altmodisch, grantig, und, vor allem, sympathisch
Es ist also denkbar, dass Ismaik nicht mehr zahlt - und der TSV 1860 München am Dienstag sein vorerst letztes Spiel als Profiverein bestritten hat. Um die Demütigung der Blauen perfekt zu machen, schenkte die Cateringfirma in der Arena, die mittlerweile ganz und gar dem verhassten Nachbarverein gehört, das Bier in Plastikbechern mit Logos des FC Bayern aus. Das Unternehmen entschuldigte sich für den tragischen Vorfall, nannte aber keine Gründe.
Diese Arena ist ein Symbol für den Graben, der zwischen den Fan-Lagern des TSV 1860 verläuft. Da gibt es Anhänger, die Erfolg wollen, egal wer ihn bezahlt. Davon, dass sie 1966 einmal Meister wurden, leiten sie den Anspruch ab, dass sie nach oben gehören. Sie wollen zurück in die Bundesliga, eigentlich in die Champions League. Sie wollen Derbys gegen Bayern, wenn es sein muss in deren Stadion. Und dann gibt es die, die gerne als naive Nostalgiker abgetan werden, weil sie ins kleine Grünwalder Stadion zurückwollen, egal in welcher Liga. Dabei geht es ihnen auch um eine gute Zukunft, die sie darin sehen, unverwechselbar zu sein in einer Stadt mit zwei großen Vereinen. Sie wollen die Nische besetzen, die St. Pauli in Hamburg besetzt und Union in Berlin: familiär, ein bisschen irre, grantig, pessimistisch und altmodisch wie die alten Münchner halt, mit eigener Identität, mit Stolz. Sie wollen endlich sympathisch sein. Vor allem das.
"Schade um die Löwen", hatte Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht vor einigen Wochen gesagt, "1860 war mal so ein netter Verein."
Mag sein, dass er es nun irgendwie wieder wird. Und vielleicht ja erst einmal in Liga vier.